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SGEMGlobal: German: #156: Spülung bei unkomplizierten Abszessen

SGEMGlobal: German: #156: Spülung bei unkomplizierten Abszessen

Link zur deutschen Version des Podcasts: SGEMGlobal#156: German

Link zur englischen Orginalversion des Podcasts: #156

Datum: 1. Juli 2016

Disclaimer: Im englischen Original des SGEM und hier in der deutschen Übersetzung wenden wir größte Sorgfalt an, um korrekte Informationen rund um die Notfallmedizin zu geben. Dieser Podcast ist nur an medizinisches Fachpersonal gerichtet. Allerdings sind wir nicht immun vor Fehlern und übernehmen keine Gewähr für den Inhalt des Podcasts und dessen klinischer Anwendung. Jeder ist für sein Handeln selbst verantwortlich und wir empfehlen, diesen Podcast nicht als einzige Grundlage für die Behandlung von Patienten zu verwenden!

Gast im Orginal: Der Gast im englischen Original ist Chip Lange. Chip ist Arzthelfer, der im ländlichen Missouri in der Notaufnahme eines städtischen Krankenhauses arbeitet. Er hat internationale Erfahrung in der Intensiv-und Notfallmedizin. Anmerkung des Autors: Arzthelfer in Amerika sind nicht mit Arzthelfern in Europa zu vergleichen, sie haben in Amerika eine deutliche breitere Ausbildung, aber auch mehr Verantwortung und einen größeren Aufgabenbereich.

Klinischer Fall: Eine 30-jährige Patientin mit einer Reihe von Hautabszessen in der Vergangenheit kommt in Deine Notaufnahme, weil sie denkt, dass sie einen erneuten Abszess an ihrem Arm hat. Sie erzählt Dir, dass so wenig wie möglich getan werden soll, um diesen Abszess zu behandeln, weil sie die Schmerzen der Therapie hasst, vor allem die Schmerzen der Spülung nach der Spaltung.

Hintergrund: Hautabszesse kommen häufig in der Notaufnahme vor und es gibt eine Menge Diskussionen rund um die Behandlung von Abszessen. Die Haupttherapie besteht aus Spaltung und Drainage. Zusätzlich kann man an Wundabstriche, Schmerztherapie und Antibiotika denken. Es gibt eine Menge Dogmen rund um die Wundversorgung.

Der Podcast im englischen Original hat eine Folge dazu aufgenommen (Dogma der Wundversorgung). Es gab eine Folge über das Packing der Wundhöhle nach dem Spalten (#13). Das Fazit damals war, dass es möglicherweise besser ist, normale Abszesse nach dem Spalten nicht zu packen.

Ein anderes Thema ist, ob man routinemässig Antibiotika verschreiben soll oder nicht. Eine Studie aus dem Jahr 2007 (2007) wurde in der Folge 13 des SGEMs besprochen (SGEM#13). Die Studie damals zeigte, dass es kein Beweis dafür gibt, dass man routinemässig Antibiotika bei einfachen Hautabszessen verschreiben sollte, auch nicht bei MRSA.

Im Moment gibt es keine randomisierte kontrollierte Studie, die einen Benefit für die Spülung einfacher Hautabszesse zeigt. Diese Therapie kann schmerzvoll sein, dauert und kostet Geld. Ebenfalls gibt es ein Risiko der Kontamination für den Patienten.


Klinische Fragestellung: Vermindert die Spülung einfacher Hautabszesse nach Spaltung und Drainage die Häufigkeit weiterer Interventionen?


Referenz: Chinnock and Hendey. Irrigation of Cutaneous Abscesses Does Not Improve Treatment Success. Ann Emerg Med 2016.

  • Patientengruppe: Patienten aus der Notaufnahme, älter als 18 Jahre, mit einem Hautabszess
    • ausgeschlossen: Schwangere, Gefängnisinsassen, Patienten, die im Krankenhaus aufgenommen oder in den OP gebracht werden und Patienten, bei denen es unmöglich erscheint, ein Follow-Up über 30 Tage zu erreichen
  • Intervention: Spaltung, Drainage und Spülung
  • Vergleich: Spaltung, Drainage alleine
  • Outcome: Notwendigkeit weiterer Interventionen in den nächsten 30 Tagen. Die Interventionen waren weitere Inzisionen, Antibiotika oder Krankenhausaufnahme wegen des Abszesses.

Zusammenfassung des Autors: „Obwohl es Unterschiede in den beiden Gruppen bezüglich der Basisdaten gibt, zeigt sich trotzdem kein Vorteil für eine zusätzliche Spülung bei unkomplizierten Hautabszessen.”

Qualitätscheckliste für randomisierte klinische Studien:figura do check list.

  • Bestand die Studienpopulation aus Patienten aus der Notaufnahme? Ja.
  • Waren die Patient ordentlich randomisiert? Ja.
  • War die Randomisierung verblindet? Ja.
  • Wurden die Patienten in der Gruppe analysiert, in die sie auch eingeteilt wurden? Ja.
  • Wurden die Studienpatienten aufeinanderfolgend in die Studie eingeschlossen? Nein. Der Autor spricht davon, dass die Patienten sporadisch und nicht aufeinanderfolgend in die Studie eingeschlossen worden sind.
  • Waren die Patienten in beiden Gruppen ähnlich in Bezug auf ihre Prognose? Unsicher.
  • Waren alle an der Studie Beteiligten verblindet? Nein. Die Randomisierung war verblindet, aber nachdem die Patienten in eine Gruppe eingeteilt worden sind, wussten die Ärzte und die Patienten darüber Bescheid.
  • Sind beide Gruppe gleich behandelt worden, außer in Bezug auf die Intervention? Nein. Die Gruppe mit der Spülung bekamen häufiger ein Wundpacking und Antibiotika.
  • War das Follow-Up komplett (also mindestens 80%)? Ja.
  • Wurden alle für den Patienten wichtige Ergebnisse berücksichtigt? Ja.
  • War der Behandlungseffekt groß genug um klinisch relevant zu sein? Nein.

Hauptergebnisse: 209 Patienten wurden in die Studie eingeschlossen, davon blieben 187 bis zum Ende in der Studie. Das Altersmittel war in den späten 30igern mit einem Anteil von 40% Frauen.


Es gab keinen Unterschied in Bezug auf weitere Interventionen in den nächsten 30 Tagen!


Ergebnis: 15% in der Gruppe mit Spülung und 13% in der Gruppe ohne Spülung brauchen weitere Interventionen.
Unterschiede zwischen den Gruppen: In der Gruppe mit der Spülung waren die Patienten etwas jünger, bekamen häufiger ein Wundpacking (89% vs. 75%) und Antibiotika (91% vs 73%)

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Schlauberger-Ecke:

  • Ein Krankenhaus: Dies war eine Studie, die nur in einem Krankenhaus durchgeführt worden ist. In diesem Krankenhaus gab es außerdem einen hohen Anteil von MRSA. Dieses kann eventuell die Generalisierbarkeit der Ergebnisse einschränken.
  • Nicht aufeinanderfolgender Einschluss: Die Patienten sind in die Studie nicht aufeinanderfolgend eingeschlossen worden. Dies könnte zu einem Bias durch eine mögliche Auswahl führen. Der Autor dazu: „Wir glauben nicht, dass es zu einem Bias gekommen ist, da wir die Patienten 7 Tage die Woche, Tag und Nacht eingeschlossen haben.”
  • Unterschiede in den Gruppen: Die Patienten in beiden Gruppen waren nicht gleich, so waren die Patienten in der Gruppe mit der Spülung im Schnitt fünf Jahre jünger.
  • Unterschiede in der Behandlung: Die beiden Gruppen wurden unterschiedlich behandelt. Die Patienten in der Gruppe mit der Spülung wurden häufiger mit einem Wundpacking und Antibiotika behandelt. Das Wundpacking scheint nach aktuellem Wissenstand einen eher kleinen Einfluss zu haben. Bei der Behandlung mit Antibiotika ist das schon komplizierter. Allerdings sollte die Therapie mit Antibiotika das Ergebnis für die Gruppe mit der Spülung verbessern, aber dies war nicht der Fall. Ein anderes Problem bestand darin, dass in dieser Studie nicht standardisiert wurde mit welcher Flüssigkeit und mit wie viel gespült wurde.
  • Nicht-Verblindung: Die Patienten und die Ärzte kannten die Zuordnung zu einer Gruppe. Das kann eventuell ein paar der Unterschiede in der Behandlung zwischen den beiden Gruppen erklären. Ebenfalls ist es durch die Nicht-Verblindung schwieriger die Ergebnisse zu interpretieren.

Kommentar zu der Zusammenfassung des Authors: Wir stimmen dem Fazit des Autors zu, dass es aufgrund dieser Daten keinen Hinweis darauf gibt, dass die Wundspülung einen positiven Effekt auf das Outcome hat. Allerdings hat diese Studie einige Mängel in der Ausführung und weitere Studien mit einem standardisierten Vorgehen sollten durchgeführt werden.

SGEM Fazit: Spülung der Wunde nach Spaltung und Drainage ist wahrscheinlich nicht notwendig!

Auflösung des klinischen Falls: Du sprichst mit dem Patienten darüber, dass es einige Hinweise darauf gibt, dass die Wundspülung möglicherweise keinen Einfluss auf das Outcome hat. Zusammen entscheidet Ihr, dass die Wunde nicht gespült wird.

Klinische Anwendung: Obwohl es natürlich Unterschiede in der Behandlung von verschiedenen Patientengruppen und verschiedenen Stellen am Körper gibt, scheint die Spülung nach Spaltung keinen positiven Effekt zu haben.

Was sage ich meinem Patienten? Wir wissen, dass Spaltung und Drainage des Abszesses schmerzhaft ist. Es gibt neue Hinweise, dass die Spülung nach der Spaltung keinen positiven Effekt hat und wir können diesen Teil des Eingriffs weglassen, wenn Sie das wollen.

Das wars, bis zum nächsten Mal bei der deutschen Übersetzung des skeptics guide to emergency medicine! Euer Ilja


Denkt daran, seid skeptisch bei allem was Ihr lernt, sogar wenn Ihr es im „skeptics guide to emergency medicine” hört!